Ob und Wie Therapie wirkt


Die bekannten Psychotherapieforscher rund um das Team von Klaus Grawe werteten mehrere tausend Therapiestudien aus, um herauszufinden, ob und wie Psychotherapien wirken. Fakt ist, dass die Wirkung der Richtlinienpsychotherapien (tiefenpsychologischen Ansätzen, systemischen Therapien und Verhaltenstherapie) sehr differenziert und ausführlich erforscht ist und in Bezug auf ihre Wirksamkeit kein Zweifel mehr besteht.

Die Frage nach der Wirkungsweise ist eine methodische Herausforderung und gewiss nicht erschöpfend zu beantworten - zu komplex sind der Mensch und die unzähligen, ihn beeinflussenden Faktoren. Dennoch finden sich  Hinweise.  Faktoren, die zur positiven Wirkung einer Psychotherapie beitragen, wurden von Grawe in den folgenden 4 Kategorien zusammengefasst. Die notwendige (aber nicht hinreichende) Grundlage ist eine gute "therapeutische Beziehung" zwischen Therapeut und Klient.

 

1. Ressourcenaktivierung

Hier geht es darum, Ihre vorhandenen Fähigkeiten und Stärken zu finden, zu analysieren und  zielführend zu nutzen. Dies können z.B. ein scharfer Verstand, ein ausgeprägtes Körpergefühl, Fleiß, Kreativität,  Spiritualität, Lebenserfahrung oder Freunde und Familie  sein.

 

2. Problemaktualisierung

Dies bedeutet, dass das Problem innerhalb der Therapie nicht nur besprochen, analysiert und rational verstanden, sondern erlebt werden soll - im Hier und Jetzt, im Kontakt / in Beziehung mit / zu ihrem Therapeuten und in der Zeit zwischen den Therapiestunden. Aktualisierung bedeutet in diesem Zusammenhang also, eine (u.U. bewusst herbei geführte) Konfrontation / Wieder-Inszenierung der problematischen Situationen und Verhaltensweisen, aber nicht um erneut in ihnen unterzugehen, sondern um sie stufenweise und mit Unterstützung verstehen und bewältigen zu lernen - und zwar live,  direkt und "in Farbe", anstatt im Nachhinein und theoretisch. Im Rahmen der Therapie wird der Versuch unternommen, mit adäquaten Maßnahmen, die auf die jeweiligen Personen zugeschnitten sind, eine solche Aktualisierung zu bewirken.  

Ein typisches Beispiel ist die Konfrontation  bei Ängsten oder Zwängen. Oder das Erleben, dass Sie  typische Verhaltens- und Erlebensmuster plötzlich in der therapeutischen Beziehung wiederholen. 

 

3. Aktive Hilfe zur Problembewältigung

Wenn also, wie unter Punkt 2 geschildert, das Problem aktualisiert ist und Sie mitten im Geschehen Ihrer Muster stehen (Angst, Zwang, Sinnlosigkeit, Selbstverletzungsimpuls, zwischenmenschliche Konflikte ... ), werden Sie (diesmal als Zeuge) beobachten, was mit Ihnen geschieht und wir werden nun gemeinsam aktiv Wege zur Bewältigung suchen und erproben. Solche Wege können z.B. Entspannungsverfahren, Körper- und Atemübungen, Konfrontationsverfahren, Achtsamkeits- und Problemlösetrainings, Rollenspiele und Verhaltensexperimente sein.

 

4. Therapeutische Klärung

Hierbei geht es um ein zusammenhängendes Verständnis der Ursachen von Problemen und all der Faktoren, die dazu beitragen, dass sie sich hartnäckig halten können. Die Analyse aller bedingenden Faktoren führt zu einem individuellen bio-psycho-sozialen Arbeitsmodell, das den Ausgangspunkt der Therapie bildet und im Laufe der Therapie kontinuierlich weiter differenziert wird. Daraus leitet sich der methodische Teil der Therapie ab.  Betroffene erhalten ein  Verständnis für ihr Erleben, ihr (Nicht-)Fühlen, ihr Denken und ihr (Nicht-)Handeln. Sie erfahren über sich eine komplexe Geschichte. Vielleicht ist diese Geschichte nur eine Konstruktion? Vielleicht ist sie nah an der Wirklichkeit?  Menschen streben danach, die Bestandteile ihres Erlebens in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Diese Klärung bereits, diese Geschichte also, wird als hilfreich erlebt.